Sechs Kilometer. So viel Wasser liegt zwischen Malta und Gozo. Wer mit der Fähre von Ċirkewwa übersetzt, braucht für diese sechs Kilometer rund zwanzig Minuten – und kommt in einer Welt an, die mit dem lauten, betonierten Malta kaum noch etwas zu tun hat. Ich saß bei meiner ersten Überfahrt mit einem Kaffee auf dem Oberdeck, und ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem die Skyline von Malta hinter uns kleiner wurde und vor uns diese flache, ockerfarbene Insel auftauchte, die aussieht, als hätte jemand ein Stück Sizilien in die Mitte des Mittelmeers geschoben und dort vergessen.

Gozo ist die zweitgrößte Insel des maltesischen Archipels, etwa 67 Quadratkilometer groß, und sie ist der Gegenentwurf zu allem, was Malta an Hotelburgen und Verkehr zu bieten hat. Wer die Insel Gozo zum ersten Mal besucht, erwartet oft nicht viel – und wird dann überrascht, wie viel man hier in drei, vier Tagen unterbringen kann, wenn man weiß, wo man hinfährt und wo man besser nicht hinfährt.

Wichtige Erkenntnisse

  • Gozo gehört zu Malta, ist aber eine eigenständige Insel mit eigener Hauptstadt Victoria und rund 31.000 Einwohnern – viele davon pendeln täglich nach Malta zur Arbeit
  • Die Überfahrt dauert 20 Minuten mit der Autofähre, die Fähre fährt rund um die Uhr
  • Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen alle innerhalb von 25 Minuten Fahrt voneinander entfernt
  • Ein Mietwagen lohnt sich, ein Scooter reicht im Sommer auch – die Busse sind günstig, aber langsam
  • Der ehemalige Azure Window existiert seit 2017 nicht mehr – wer ihn sucht, sucht vergeblich
  • Die beste Reisezeit sind April bis Juni und September bis Oktober

Insel Gozo: klein, aber kein Ausflugsziel für einen halben Tag

Immer wieder höre ich denselben Satz: „Gozo machen wir als Tagesausflug mit." Das ist der größte Fehler, den man mit dieser Insel machen kann. Ich habe es beim ersten Mal genauso gemacht und stand am Abend völlig erschöpft am Fährhafen, ohne Ġgantija, ohne Ramla Bay, ohne irgendetwas wirklich gesehen zu haben – weil ich den halben Tag damit verbracht hatte, die falsche Straße nach Xlendi zu suchen.

Gozo braucht Zeit. Nicht, weil so viel los ist, sondern im Gegenteil: Die Insel funktioniert nach ihrem eigenen Tempo, und wer sie hetzt, bekommt nur asphaltierte Straßen und ein paar Fotopunkte zu sehen.

Wo liegt die Insel Gozo?

Gozo liegt im Mittelmeer, etwa sechs Kilometer nordwestlich von Malta. Die beiden Hauptinseln sind durch die Straße von Gozo getrennt, und dazwischen liegt noch die winzige Insel Comino mit der berühmten Blue Lagoon. Geografisch gehört der Archipel zu Europa, politisch zu Malta, und damit zur Europäischen Union. Die Entfernung zur italienischen Küste ist übrigens kürzer, als viele denken: Sizilien liegt nur etwa 80 Kilometer nördlich.

Zu welchem Land gehört die Insel Gozo?

Diese Frage kommt erstaunlich oft, und die Antwort ist simpel: Gozo ist Teil der Republik Malta. Gemeinsam mit Malta und Comino bildet sie den maltesischen Staat. Das heißt für Reisende: Euro, EU-Recht, maltesisches Recht, und seit dem EU-Beitritt 2004 auch alle Annehmlichkeiten, die man von einem europäischen Reiseziel erwartet.

Zu welchem Land gehört die Insel Gozo?

Verwaltungstechnisch ist Gozo eine eigene Region mit weitgehender Selbstverwaltung – es gibt ein eigenes Ministerium für Gozo und einen Regionalrat. Klingt bürokratisch, hat aber praktische Folgen: Gozo hat eigene Fährregelungen, eigene Förderprogramme und eine etwas andere Prioritätensetzung bei Infrastrukturprojekten als der Hauptinselteil. Was manchmal bedeutet, dass eine Straße jahrelang nicht repariert wird. Ehrlich gesagt: Auch das gehört zum Inselcharakter.

Wie viele Menschen leben auf Gozo?

Die Insel hat rund 31.000 Einwohner, verteilt auf etwa vierzehn Ortschaften. Victoria, die Hauptstadt, ist mit knapp 7.000 Menschen der größte Ort – alles andere sind Dörfer, in denen sich die Einwohnerzahl im Winter halbiert, weil viele Gozitaner saisonal auf Malta oder im Ausland arbeiten. Ein mir bekannter Tauchlehrer in Marsalforn erzählte, dass er im Januar manchmal der einzige Gast in seinem Stammcafé ist. Im Juli sitzt er dann zwischen dreißig Leuten.

Was auffällt: Die Bevölkerung ist überaltert. Wer kann, zieht auf Malta oder nach Übersee, und viele Häuser in den Dörfern stehen leer oder werden nur im Sommer genutzt. Das erklärt auch, warum man in Gozo so viele verfallene Steinhäuser sieht, deren Fenster mit Holzlatten verschlossen sind.

Insel Gozo Sehenswürdigkeiten: was wirklich lohnt

Die Liste der Attraktionen ist kürzer, als man denkt – und genau das ist ihr Vorteil. Man kann sie in zwei Tagen abarbeiten, ohne ins Schwitzen zu kommen, und hat dann noch Zeit für die Dinge, die nicht im Reiseführer stehen.

Meine persönliche Rangfolge hat sich seit dem ersten Besuch mehrfach verschoben. Ġgantija stand anfangs ganz oben, inzwischen ist es die Ramla Bay. Der Grund? Ġgantija ist beeindruckend, aber ein einstündiger Besuch reicht. Die Ramla Bay hingegen ist ein Ort, an dem ich jedes Mal länger bleibe als geplant.

Ġgantija: älter als Stonehenge

Die Tempelanlagen von Ġgantija bei Xagħra zählen zu den ältesten freistehenden Bauwerken der Welt – erbaut zwischen 3600 und 3200 vor Christus, also rund tausend Jahre vor Stonehenge. Seit 1980 sind sie UNESCO-Welterbe. Eintritt kostet für Erwachsene einen zweistelligen Euro-Betrag, und man sollte die Tickets online vorbuchen, wenn man in der Hochsaison kommt. Ich habe einmal eine deutsche Familie erlebt, die vor verschlossenem Tor stand, weil das Kontingent für den Tag erschöpft war.

Was mich beim zweiten Besuch überrascht hat: Die Anlage wirkt kleiner, wenn man sie nach den Fotos im Internet sieht. Die berühmten Fotomotive sind mit Weitwinkel aufgenommen. Trotzdem – oder gerade deshalb – sollte man hineingehen. Die Größe der Steine, die dort verbaut wurden, versteht man erst, wenn man daneben steht.

Dwejra und der verschwundene Azure Window

Das Azure Window, der berühmte Felsbogen, ist am 8. März 2017 bei einem Sturm eingestürzt. Wer heute nach Dwejra fährt, findet ein Meer, einen Inland Sea genannten Felsenpools und jede Menge Taucher vor – aber keinen Bogen mehr. Die Verwirrung bei Besuchern ist jedes Jahr wieder groß. Ich habe am Parkplatz tatsächlich Touristen getroffen, die fragten, ob man den Bogen „vielleicht von der anderen Seite aus sehen" könne.

Nein. Er ist weg. Und das ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich Sehenswürdigkeiten erledigen können. Was bleibt: das Inland Sea, ein von Klippen umschlossenes Salzwasserbecken, durch einen natürlichen Felstunnel mit dem offenen Meer verbunden. Taucher fahren dort durch den Tunnel, Schnorchler bleiben im Becken. Und die Klippen rund um Dwejra sind bei Sonnenuntergang ehrlich gesagt spektakulärer als es der Felsbogen je war.

Ramla Bay: der rote Sandstrand

Der rötliche Sand der Ramla Bay ist auf Fotos kaum zu glauben. Die Bucht liegt eingebettet zwischen zwei Hügeln, im Hintergrund steht das kleine Kalypso-Höhlchen, und im Wasser spiegelt sich das Ocker der Dünen. In der Hochsaison ist der Strand voll, aber die Bucht ist groß genug, dass man immer noch ein Plätzchen findet, wenn man ein paar Meter weiter läuft als die Hauptmenge.

Praktisch: Es gibt zwei Strandlieger-Verleiher, einen Kiosk mit Getränken und Sanitäranlagen am östlichen Ende. Der Bus von Victoria fährt direkt zur Bucht, aber die letzten Meter geht es steil bergab – und beim Zurückgehen bergauf. Für den Rückweg empfiehlt sich ein Taxi.

Gozo Geheimtipps: was nicht im Reiseführer steht

Der Begriff Geheimtipp ist auf einer Insel mit 31.000 Einwohnern immer relativ. Meine drei Favoriten sind Dinge, die man auf Gozo leicht übersieht, weil sie nicht in jedem Reiseführer stehen.

Ta' Cenc: die Steilküste im Süden

Die Klippen von Ta' Cenc an der Südküste fallen 120 Meter senkrecht ins Meer. Es gibt dort einen Wanderweg entlang der Abbruchkante, und wenn man früh am Morgen unterwegs ist, hat man die Klippen oft für sich. Ich habe dort einmal eine Stunde auf einem Felsvorsprung gesessen und auf die kleine Insel Filfla in der Ferne geschaut – kein Mensch, kein Geräusch außer Möwen. Das ist der Moment, an den ich mich erinnere, wenn mich jemand nach Gozo fragt.

Die Salzpfannen von Xwejni

Nördlich von Marsalforn ziehen sich jahrhundertealte Salzpfannen die Küste entlang, in denen bis heute Salz gewonnen wird. Wer im Sommer vorbeikommt, kann den Salzbauern bei der Arbeit zusehen und das Salz direkt am Straßenrand kaufen. Ich habe dort ein Tütchen mitgenommen und zu Hause in der Küche verwendet – geschmacklich kein riesiger Unterschied zu Industrialsalz, aber die Geschichte dazu ist es wert.

Nadur und das Feuerwerk

Nadur im Osten ist berühmt für sein Feuerwerk während der Festa im August. Die ganze Insel ist dann auf den Beinen, es gibt Umzüge, Musik und ein Feuerwerk, das für eine so kleine Insel schon fast übertrieben ist. Wer in der ersten Augusthälfte auf Gozo ist, sollte die Termine der Dorffeste im Voraus prüfen – jeder Ort hat seine eigene Festa, und die gehen über den ganzen Sommer verteilt.

Insel Gozo Karte: was Sie vor der Anreise wissen sollten

Gozo ist klein genug, dass man sich nach zwei Tagen zurechtfindet, aber groß genug, dass man ohne Karte und Navi erst mal im Kreis fährt. Die Hauptstraße von der Fähre führt direkt nach Victoria, von dort zweigen alle anderen Straßen ab. Ich habe es einmal geschafft, von Mġarr nach Marsalforn eine halbe Stunde zu brauchen – bei einer Strecke von sieben Kilometern. Der Grund: Ich hatte mich einer falschen Abzweigung angeschlossen und kam in Xagħra heraus.

Ort Lage Was dort ist
Victoria Inselmitte Hauptstadt, Citadella, Busbahnhof, Markt
Mġarr Nordosten Fährhafen
Marsalforn Nordküste Hauptbadeort, Restaurants
Xlendi Südwesten Bucht, Tauchschule, Fischerhafen
Xagħra Zentralnord Ġgantija, Ramla Bay (Zufahrt)
San Lawrenz Westen Dwejra, Klippenwege
Nadur Osten Feuerwerksfeste, Aussicht

Die Fähren zwischen Ċirkewwa und Mġarr fahren rund um die Uhr, tagsüber meist im Halbstundentakt. Bezahlt wird nur die Überfahrt nach Gozo zurück – die Hinfahrt von Malta aus ist kostenlos. Das ist ein Detail, das bei der Planung des Rückwegs oft vergessen wird. Und: In der Hochsaison sollten Sie mit dem Auto früh anreisen oder die Fähre mit Reservierung buchen, sonst stehen Sie um elf Uhr vormittags in Ċirkewwa mit einer Wartezeit von einer Stunde.

Insel Gozo Urlaub: für wen sich die Reise lohnt

Gozo ist kein Partyziel. Wer abends Clubs, laute Bars und Trubel sucht, sollte auf Malta bleiben, wo es das alles zuhauf gibt. Gozo ist für Menschen, die morgens gerne wandern, nachmittags im Meer schwimmen und abends um neun am Tisch sitzen, ohne dass eine Kellnerin zweimal nach dem Dessert fragt.

Auf der anderen Seite: Wer mit kleinen Kindern reist, wird die Ramla Bay und die flachen Felsbecken bei Xwejni lieben. Wer taucht, hat in Dwejra und Xlendi einige der besten Tauchplätze des Mittelmeers. Und wer einfach nur Ruhe sucht, findet sie in den Dörfern im Inselinneren, wo man abends das Zirpen der Grillen hört und sonst gar nichts.

Ich kann mich noch gut an eine Unterhaltung mit einem Ehepaar aus Bayern erinnern, das am dritten Tag abreisen wollte. Sie hatten nur drei Nächte gebucht, weil sie Angst hatten, auf Gozo würde ihnen langweilig. Am Ende haben sie zwei weitere Nächte gebucht und sind dann doch noch zwei Tage länger geblieben als geplant. So geht das regelmäßig.

Am Ende bleibt ein Satz, den ich jedem mit auf den Weg gebe, der zum ersten Mal nach Gozo fährt: Nehmen Sie sich mehr Zeit, als Sie glauben zu brauchen. Die Insel ist klein, aber sie ist nicht schnell. Wer das akzeptiert, bekommt einen der letzten ruhigen Orte im zentralen Mittelmeer – und die Erinnerung an einen abendlichen Blick von den Klippen bei Ta' Cenc, bei dem man kurz vergisst, dass es irgendwo noch einen Alltag gibt.