Welche Versicherungen für Selbstständige wirklich notwendig sind
Letzte Woche hat mich eine Grafikdesignerin angerufen, die seit acht Monaten freiberuflich arbeitet. Ihre Frage: „Ich zahle gerade 340 Euro im Monat für Versicherungen. Ist das zu viel, zu wenig, oder genau richtig?" Ich konnte ihr keine Zahl nennen, ohne ihren Beruf, ihr Einkommen und ihre Familienlage zu kennen. Aber ich konnte ihr sagen, welche Policen bei ihr wahrscheinlich überflüssig sind — und welche sie um keinen Preis kündigen sollte.
Genau darum geht es hier. Nicht um eine Liste mit zwanzig Versicherungen, die Sie alle abschließen sollen. Sondern um die Frage, welche für Selbstständige wirklich notwendig sind — und wo die Branche Ihnen Dinge verkauft, die Sie nicht brauchen.
Wichtige Erkenntnisse
- Nur die Kranken- und Pflegeversicherung ist für Selbstständige gesetzlich verpflichtend.
- Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist keine Pflicht — aber für die meisten Selbstständigen die wichtigste freiwillige Police überhaupt, weil sie niemand auffängt.
- Eine Betriebshaftpflicht ist branchenabhängig: Pflicht im Handwerk, sinnvoll bei Beratung, unnötig bei reiner Bürotätigkeit ohne Kundenkontakt.
- Versicherungen werden vom Gewinn abgezogen — bevor die Steuer greift. Das senkt den effektiven Preis oft um 30 bis 40 Prozent.
- Ein pauschales „Rundum-Paket" vom Versicherungsmakler kostet im Schnitt mehr als die drei Policen, die Ihr Risiko tatsächlich abdecken.
- Die richtige Reihenfolge lautet: erst absichern, was Ihre Arbeitskraft zerstört, dann das Vermögen, dann alles andere.
Pflicht oder freiwillig? Die Trennung, die alles entscheidet
Die meisten Selbstständigen machen denselben Fehler. Sie behandeln alle Versicherungen gleich, als wäre jede einzelne grundsätzlich sinnvoll und die Frage nur, ob man sie sich leisten kann. So funktioniert es aber nicht.
Es gibt genau drei Schichten. Die erste ist gesetzlich vorgeschrieben. Die zweite schützt Sie vor einem Ereignis, das Ihre Existenz beendet. Und die dritte ist Komfort.
Was tatsächlich Pflicht ist
Für Selbstständige gibt es in Deutschland nur eine echte Pflichtversicherung im privaten Bereich: die Kranken- und Pflegeversicherung. Wer nicht in die gesetzliche Krankenversicherung aufgenommen wird, muss in die private Krankenversicherung (PKV). Ausnahmen existieren für Künstler und Publizisten, die über die Künstlersozialkasse versichert werden können.
Alles andere, was Ihnen ein Makler als „Pflicht" verkauft, ist branchenabhängig. Ein Handwerksbetrieb braucht eine Betriebshaftpflicht, weil Auftraggeber sie vertraglich verlangen — nicht weil der Gesetzgeber es vorschreibt. Rechtsanwälte und Steuerberater brauchen eine Berufshaftpflicht, weil ihre Kammer sie fordert. Ein Textautor im Homeoffice braucht von beiden nichts.
Wichtig: In einigen Branchen existieren spezielle Pflichtversicherungen über Berufsordnungen oder Gewerbeordnungen. Prüfen Sie das für Ihren Bereich, nicht pauschal.
Warum die Reihenfolge wichtiger ist als die Liste
Stellen Sie sich zwei Szenarien vor. Im ersten brechen Sie sich bei einem Sturz beide Handgelenke und können drei Monate nicht arbeiten. Im zweiten fällt ein Regal in Ihrem Büro um und beschädigt den Laptop eines Kunden.
Das erste Szenario kostet Sie Ihr Einkommen. Das zweite kostet Sie einen Laptop. Trotzdem investieren viele Selbstständige mehr in die Absicherung von Sachschäden als in die Absicherung ihrer Arbeitskraft. Das ist nicht nur unlogisch, es ist gefährlich.
Die drei wirklich notwendigen Versicherungen
Wenn ich auf drei Policen reduzieren müsste, wären es diese. In genau dieser Reihenfolge.
1. Kranken- und Pflegeversicherung
Keine Diskussion. Diese ist Pflicht, sie ist teuer, und Sie können ihr nicht entkommen. Als Selbstständiger tragen Sie den vollen Beitrag allein — der Arbeitgeberanteil, den Angestellte bekommen, fehlt komplett. Je nach Einkommen sind das grob 800 bis 1.050 Euro pro Monat für einen Singles ohne Kinder.
Der häufigste Fehler hier: zu optimistisch kalkulieren. Wer sich selbstständig macht und den Beitrag nach dem ersten mageren Jahr berechnet, wacht später mit einer bösen Überraschung auf, weil sich der Beitrag am Gewinn orientiert. Als ich vor einigen Jahren vom Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit wechselte, hatte ich diese Zahl völlig unterschätzt — sie ist der größte Einzelposten in meiner Kalkulation, größer als Miete und Software zusammen.
2. Berufsunfähigkeitsversicherung
Das ist die Versicherung, über die ich am meisten diskutiere. Sie ist keine Pflicht. Und trotzdem ist sie für die meisten Selbstständigen die wichtigste freiwillige Police überhaupt.
Der Grund ist einfach. Ein Angestellter, der berufsunfähig wird, bekommt eine Erwerbsminderungsrente — mickrig, aber vorhanden. Ein Selbstständiger bekommt: nichts. Kein Kurzarbeitergeld, kein Arbeitslosengeld, keine Lohnfortzahlung. Wer nicht arbeiten kann, hat keinen Umsatz. Punkt.
Und jetzt das Problem, das in keinem Makler-Prospekt steht: Berufsunfähigkeitsversicherer versichern Sie nicht immer. Kreative Berufe, Handwerker und alles, was körperlich oder mit hohem Verletzungsrisiko verbunden ist, werden oft abgelehnt oder mit Ausschlüssen versehen. Nach einer Rückenoperation meines Nachbarn — selbstständiger Fotograf — bekam er nur noch einen Vertrag mit Ausschluss für alles, was mit der Wirbelsäule zu tun hat. Also genau dem Bereich, der ihn beruflich am härtesten treffen würde.
Regel: Schließen Sie die BU ab, solange Sie gesund sind. Wenn Sie bereits Beschwerden haben, wird es schwierig — und teuer.
3. Betriebshaftpflicht — wenn Ihr Beruf sie verlangt
Hier wird es differenziert. Eine Betriebshaftpflicht deckt Schäden, die Sie in Ausübung Ihrer Tätigkeit Dritten zufügen.
Für einen freiberuflichen Texter ohne Kundenzugang zu Systemen: überflüssig. Für eine Webdesignerin, die eine Kundendatenbank baut und dabei versehentlich Daten löscht: notwendig. Für einen Handwerker: sowieso. Für einen Berater, der dem Kunden eine Empfehlung gibt und dafür haftbar gemacht wird: sehr sinnvoll.
Die entscheidende Frage ist immer: Könnte mir ein Fehler, ein Missgeschick oder eine falsche Aussage einen Schadenersatzanspruch in existenzbedrohender Höhe einbringen? Wenn ja, brauchen Sie Deckung. Wenn nein, sparen Sie das Geld.
Was Sie sich meistens sparen können
Und hier wird es unangenehm für die Versicherungsbranche. Es gibt eine ganze Kategorie von Policen, die Selbstständigen besonders gern verkauft wird, obwohl sie selten gebraucht werden.
Rechtsschutzversicherung
Klingt beruhigend. Aber prüfen Sie den Ausschlusskatalog. Die meisten gewerblichen Rechtsschutzpolicen decken Streitigkeiten mit Vertragspartnern nur eingeschränkt ab, und der klassische Streit um eine unbezahlte Rechnung ist häufig ausgenommen. Bei mir hat sich der Gewerbe-Rechtsschutz nie ausgezahlt, obwohl ich zwei Auseinandersetzungen mit Auftraggebern hatte.
Unfallversicherung
Wenn Sie bereits eine BU haben, ist die Unfallversicherung oft Doppelung. Die BU greift bei Berufsunfähigkeit durch Unfall und durch Krankheit. Die Unfallversicherung greift nur bei Unfall — deckt dafür aber auch Fälle ab, die keine Berufsunfähigkeit auslösen (z. B. bleibende Invalidität eines Arms, obwohl Sie weiterarbeiten können).
Als Faustregel: Für körperlich arbeitende Selbstständige sinnvoll, für Schreibtischtäter meist verzichtbar.
Glas- und Sachversicherungen
Ein zerbrochenes Fenster kostet ein paar Hundert Euro. Eine „Glasbruchversicherung" für ein Homeoffice mit zwei Fenstern ist wirtschaftlich kaum sinnvoll. Bei einem Ladenlokal mit großer Schaufensterfront oder einem Atelier mit teuren Maschinen sieht das anders aus.
Welche Versicherungen sind für Selbstständige Pflicht?
Praktisch gesehen: die Krankenversicherung, die Pflegeversicherung, und in bestimmten Berufen eine Berufshaftpflicht oder eine branchenspezifische Pflichtversicherung. Alles andere ist freiwillig — und genau deshalb verdient es eine bewusste Entscheidung statt eines Reflexes.
Wie viel muss ich als Selbstständiger verdienen, um 3.000 € netto zu haben?
Diese Frage kommt bei jedem Gespräch über Versicherungskosten früher oder später. Die Antwort überrascht die meisten.
Für 3.000 € netto im Monat benötigen Sie als Selbstständiger einen monatlichen Umsatz von etwa 6.300 bis 7.500 Euro — brutto, je nachdem ob Umsatzsteuer dazukommt und wie hoch Ihre Betriebsausgaben liegen.
Die Faustregel, die sich für viele als realistisch erwiesen hat: Multiplizieren Sie Ihr Wunsch-Netto mit dem Faktor 2,1 bis 2,5, um den grob benötigten Monatsumsatz zu schätzen.
Wie sich die Summe zusammensetzt
Rechnen Sie mit dieser Kette, ausgehend von 3.000 € gewünschtem Netto (Beispiel: ledig, gesetzlich versichert, keine Kinder):
- Gewinn vor Steuern und Sozialabgaben: ca. 5.400 € im Monat
- Kranken- und Pflegeversicherung: ca. 800 bis 1.050 € monatlich, da Sie den vollen Beitrag allein tragen
- Einkommensteuer: ca. 1.100 bis 1.600 € monatlich, abhängig vom Jahresgewinn und den Absetzmöglichkeiten
- Betriebsausgaben: Software, Arbeitsmittel, Versicherungen — pauschal oft 600 bis 1.000 € extra
- Umsatzsteuer: bei umsatzsteuerpflichtigen Leistungen kommt sie oben drauf, ist aber ein durchlaufender Posten und kein echter Verdienst
Von jedem verdienten Euro gehen also rund 58 bis 60 Cent für Steuern, Sozialabgaben und Betriebskosten weg. Das ist keine Panikmache, das ist die Realität der Selbstständigkeit — und genau deshalb ist die Höhe Ihrer Versicherungsbeiträge kein Nebenthema, sondern ein zentraler Faktor Ihrer Kalkulation.
Ein detailliertes Durchrechnen Ihrer persönlichen Situation ist mit einem Brutto-Netto-Rechner für Selbstständige möglich — die Zahl hängt stark davon ab, ob Sie umsatzsteuerpflichtig sind, wie hoch Ihre fixen Betriebskosten sind und welchen Steuersatz Sie treffen.
Versicherungen im Vergleich: Priorität und Kosten
| Versicherung | Status | Grobe Kosten (monatlich) | Wann sinnvoll |
|---|---|---|---|
| Kranken- und Pflegeversicherung | Pflicht | 800–1.050 € | immer, keine Wahl |
| Berufsunfähigkeitsversicherung | freiwillig, aber dringend | 60–200 € (alters- und berufsabhängig) | fast alle Selbstständigen |
| Betriebshaftpflicht | freiwillig, teils Pflicht | 20–80 € | Handwerk, Beratung, Kundenkontakt |
| Gewerbe-Rechtsschutz | freiwillig | 25–60 € | nur bei hohem Streitrisiko |
| Unfallversicherung | freiwillig | 15–40 € | körperliche Tätigkeiten |
| Glas-/Sachversicherung | freiwillig | variabel | Ladenlokal, teure Ausstattung |
Die Kosten sind grobe Orientierungswerte, keine Angebote. Ihr tatsächlicher Beitrag hängt von Alter, Beruf, Deckungssumme und Gesundheitszustand ab.
Der Punkt, den fast alle vergessen: Versicherungen sind Betriebsausgaben
Hier kommt der Teil, der die Rechnung verändert. Betrieblich veranlasste Versicherungen — Betriebshaftpflicht, gewerblicher Rechtsschutz, Sachversicherungen für die Ausstattung — sind als Betriebsausgaben absetzbar. Sie senken Ihren Gewinn und damit Ihre Steuerlast.
Praktisch heißt das: Eine Betriebshaftpflicht für 40 Euro im Monat kostet Sie bei einem Grenzsteuersatz von 40 Prozent real nur 24 Euro. Bei einem Grenzsteuersatz von 30 Prozent sind es 28 Euro. Der Staat zahlt einen erheblichen Teil Ihrer Absicherung mit.
Was der Makler Ihnen dabei verschweigt: Der Steuervorteil macht teure Policen nicht automatisch gut. Ein ungeeigneter Vertrag ist und bleibt eine Fehlinvestition, egal wie viel Sie absetzen können.
Was passiert, wenn ich gar keine BU habe und berufsunfähig werde?
Dann fehlt Ihnen jede Einkommensabsicherung. Ein Angestellter erhält in diesem Fall eine Erwerbsminderungsrente, ein Selbstständiger nicht. Ohne BU bleibt Ihnen im Fall einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit der Gang zum Sozialamt oder der Rückgriff auf Ersparnisse und Familie. Deshalb ist die BU für Selbstständige die zentrale Absicherung — und genau deshalb versuchen Versicherer, sich das Risiko genau auszusuchen.
Lohnt sich die gesetzliche Krankenversicherung oder die private?
Das hängt an Ihrem Einkommen, Ihrem Alter und Ihren Plänen. Die gesetzliche Krankenversicherung ist einkommensabhängig: Verdienen Sie wenig, zahlen Sie wenig. Die private Krankenversicherung ist einkommensunabhängig, hat aber im Alter steigende Beiträge. Wer planbar und flexibel bleiben will, fährt mit der gesetzlichen meist günstiger. Wer jung einsteigt und langfristig hohe Einkommen erwartet, kann privat sparen. Diese Entscheidung sollten Sie nicht in fünf Minuten treffen.
Die Reihenfolge, die ich jedem empfehle
Wenn Sie sich selbstständig machen oder es bereits sind, gehen Sie so vor: Absichern, was Ihre Arbeitskraft zerstört. Dann absichern, was auf Dritte übergreift. Und dann alles, was übrig bleibt, mit Skepsis behandeln.
Konkret: Kranken- und Pflegeversicherung sind gesetzt. Berufsunfähigkeit ist die wichtigste freiwillige Entscheidung Ihrer Selbstständigkeit, und Sie sollten sie früh treffen, nicht erst wenn etwas weh tut. Und bevor Sie eine Betriebshaftpflicht abschließen, fragen Sie sich ernsthaft, ob Ihre Tätigkeit überhaupt Schäden verursachen kann, für die Sie haftbar wären.
Am Ende läuft es auf eine Frage hinaus, die ich jedem Selbstständigen stelle, der mich nach Versicherungen fragt: Welche einzelne Sache könnte Sie in den Ruin treiben? Versichern Sie genau die. Nicht mehr, nicht weniger.
Was übrig bleibt, ist meistens eine ganze Menge Geld — das Sie besser in Rücklagen stecken, als in Policen, die Sie nie brauchen werden.